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Hypochondrischer Herbst

Und dann sind da diese Tage…

Tage, an denen einer meiner Jungs auf einmal trinkt, als käme er gerade von einem mehrtägigen Fußmarsch zurück.
Durch die Wüste Gobi.
Ohne Wasservorräte, weil in seinem selbst gepackten Lieblingsrucksack neben dem ferngesteuerten Buggy leider kein Platz mehr war.

Nach seinem dritten Glas werde ich aufmerksam, bei Nr. vier hake ich im Kopf mögliche Erklärungen ab. Was hat er gegessen? War er heute beim Sport? Hatte er vielleicht keine Zeit, keine Gelegenheit, nichts zu trinken dabei? Hat der Hamster noch seinen Leckstein? Wenn er dann nach einem *rülps* Boah, hab ich Durst!“ noch immer zur Wasserkaraffe schielt, bin ich kurz davor, in Lucky-Luke-Geschwindigkeit das Accu-Chek aus meinem (Dia-)Halfter zu ziehen.

Oder wie letztens: erst traf ich den Großen (9) nachts auf Toilette, dann erzählt er mir am Morgen, dass er in der Nacht insgesamt 3x raus musste. So fing das bei mir auch an, schießt es mir durch den Kopf. Hätte ich Ketonmessstreifen in der Hosentasche, würde ich sie ihm vermutlich in die Hand drücken. Zum Glück liegen die weit weg, unten, in meiner Dia-Kiste. Obwohl… so weit weg ist die gar nicht…. nur die Treppe runter… ich könnte sie eben holen… soll ich?

In diesen Situationen kriecht die Angst in mir empor, dass es eins meine Kinder getroffen hat. Genau in diesem Moment. Diese Angst legt sich über meinen Verstand wie Nebel, der in frühen Morgenstunden ganze Felder und Täler verschwinden lässt.

Irgendwo unter diesem beklemmenden Gefühlsnebel ist mir klar, dass das Risiko für meine beiden Jungs durch meinen eigenen Typ 1 leicht, aber nicht dramatisch gestiegen ist. Dass diese kleinen „Anzeichen“, gar keine Anzeichen, sondern vermutlich völlig harmlos sind. Dass es Niemandem hilft, in Panik auszubrechen oder auf einmal zum Helicopter-Papa zu werden.

Aber!

Ey, Gefühle, ja?! Manchmal halten sie kurz die Klappe und man glaubt, man habe sie überzeugen können. Aber meist kontern sie nach meiner durchaus gut vorbereiteten, hervorragend argumentierten und mit jeder Menge Fakten belegten Rede schlicht mit: „Mir doch egal, ich hab jetzt einfach Angst, weil ich VERDAMMT NOCHMAL NICHT WILL, DASS ES SIE AUCH ERWISCHT!“. Laut. Trotzig. Mit herausgestreckter Zunge und erhobenem Mittelfinger! Und dann startet doch der kleine Heli mit Dia-Dörte an Bord, die mal eben Ketonstreifen und Messgerät von unten holt…

PS

Heute bin ich zur Arbeit gefahren und an meiner Lieblingsstelle in dieser Jahreszeit vorbeigekommen.

Dieser Bodennebel im Herbst, früh morgens, wenn die Sonne aufgeht. Der sich auf Täler und Wiesen legt. Der ist echt mal viel zu schön, um ihn in einem Dia-Herbstblues schlecht wegkommen zu lassen…

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Gemeinsames Schlammbaden mit Dia-Dörte

Es ist eine seltsame Beziehung, die Dia-Dörte und ich im Januar begonnen haben. Zwangsehe nannte ich es mal und in der Tat kann ich sie in vielen Alltagssituationen spüren, die Dörte-from-Hell, wie sie hinter mir lauert, das Dia-Nudelholz hoch erhoben und mein Tun mit einer, jeder Kreissäge konkurrierenden Stimme kommentiert:

„Diese große, unberechenbare Pizza Calzone möchtest Du essen? Ha!“ *bämm*
„Eine Grippe bekommen und dasselbe spritzen wie gestern? Ha!“ *bämm*
„Sport treiben ohne nachzudenken? Ha!“ *bämm*

Jedesmal saust das Nudelholz herab und schlägt eine ordentliche Kerbe in meine Blutzuckerkurve. Schluss damit, dachte ich mir irgendwann. Zumindest im Kopf wollte ich mal wieder die Oberhand zurückgewinnen!

X-was?

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(© by Sportograf)

„But I always keep in mind that without challenge, there is no strength.“Eine Herausforderung musste her.

Letztes Jahr war ich bei so einem Schlammspektakel angemeldet. Diese Art Events, bei denen man freiwillig ein paar Kilometer durch Matsch und Dreck läuft, manchmal kriecht und klettert, sich die Ellenbogen aufschürft, im Eiswasser taucht, Bretterwände, Netze und sonstigen Schabernack bewältigt. Leider hatte damals mein Meniskus Veto eingelegt und die Teilnahme verhindert. Nun aber stand Xletix NRW 2017 vor der Tür, das Knie war okay, ich wog 13kg weniger (was mindestens bei der 3m Bretterwand die anderen Teammitglieder freuen sollte) und ich fühlte mich halbwegs fit — was also könnte mich diesmal abhalten? Dia-Dörte etwa? Ha! HA!!

Vorbereitungen

Ich fragte mich, was man wohl beachten muss, wenn man sich mit seiner Dia-Braut durch den Schlamm wälzen möchte? Wie bekommt man all die Technik unbeschadet durch Dreck und Wasser? Verlasse ich mich auf den Libre oder messe ich blutig? In welchem Bereich sollte mein Blutzucker liegen? Brauchte ich unterwegs Insulin?

20170903_082638-ANIMATIONIch schaute ein paar Youtube-Videos („I’m an athlete… who happens to have Type 1 Diabetes. Not the other way around.“) und las alle Erfahrungsberichte zum Thema Diabetes und Schlamm und Laufen. Langsam entstand ein Plan: Ich wollte mit etwa 200 mg/dL starten (moderat über meinem grünen Bereich) und kurz vorher noch einen 1 KE-Müsliriegel futtern. Bisher wirkte Sport bei mir ausschließlich BZ-senkend, daher sollte mein Insulin-Pen nicht mit. Meinen Libre Sensor wollte ich mit einem Rundum-Sorglos-Tape schützen und das Lesegerät packte ich in die patentierte Gerät-in-Kondom-in-Zipperbeutel-Schutzhülle — gerippt und mit Noppen erhielt das Display sogar eine eingebaute Brailleschrift (warum wir sowas im Haus hatten, ließ sich allerdings trotz gründlicher Recherche nicht endgültig klären ).

Wir starteten als Team von 15 Personen, wovon ich die wenigsten kannte. Sollte ich nochmal alle über meinen Diabetes informieren? Ich wollte keine Unruhe verbreiten und vor allem wollte ich nicht den Eindruck erwecken, man müsse sich besonders um mich kümmern. Auf der anderen Seite, für den absoluten Notfall (und natürlich flüsterte mir Dörte bereits mit heiserer Stimme Horrorszenarien ins Ohr) war es sicher besser, die anderen wüssten Bescheid. Meine kurze Nachricht wurde zum Glück sehr unspektakulär aufgenommen („Ach, kenn ich. Hat meine Freundin auch.“).

Aufgeregt? Nööööö!

Je näher der Termin kam, desto aufgeregter wurde ich. Schon Tage vorher begannen meine Liebste und ich uns gegenseitig verrückt zu machen. „Diese Hindernisse!“ (sie), „Dieser Diabetes!“ (ich). Ruhig und entspannt? Ha! Dia-Dörte hüpfte in mir wie ein Schimpanse auf Ecstasy. In einer Gummizelle. Aus Bananenschalen. *boing-boing-boing* Hatte ich an alles gedacht? Lesegerät? Traubenzucker? *boing-boing* Blutzuckermessgerät als Notfallersatz? Würde das Kondom halten? *boing-boing-boing* Übersteht das Tape den Matsch? Schaffte ich die Kletterpartien, ohne mir den Sensor abzureißen? *boing-boing*

Nico (6) stellte kurz vorher noch die Grundsatzfrage: „WARUM? Warum macht ihr das?“ Eine Frage, die wir öfters hörten. Unsere Antwort „Weil… es Spaß macht?!“ entsprang mehr unserer Hoffnung denn der Gewissheit, aber für Jungs in dem Alter klingt sie total plausibel. Hey, Matsch und Dreck und Schlamm! Die Blicke, die wir sonst so ernteten, konnte man dagegen eher als höfliche Empfehlung verstehen, sich den eigenen Menschenverstand mal lieber professionell untersuchen zu lassen…

T1D, irgendwer?

Der Tag der Tage.
Sachen packen.
Frühstücken.
Hinfahren.
Parken.
Anmelden.
*zack*
Schon standen wir im Startbereich, hatten grüne Schminke im Gesicht und tummelten uns in unseren Team-Shirts im Kreise Hunderter Gleichgesinnter. Apropos gleichgesinnt. Wie immer hielt ich Ausschau nach anderen Libre-Sensoren, Pumpen oder sonstigen Anzeichen für Dia-Verbündete. Vergeblich. Bis mich eine Mama aus dem eigenen Team ansprach. Ihre Tochter (11), die zum Zuschauen und Anfeuern mitgekommen war, hatte ebenfalls Typ 1 und wie sich herausstellte, fast zur selben Zeit bekommen wie ich. Oh Mann! Ich wusste kaum, was ich sagen sollte. Am liebsten hätte ich ihr irgendwie Mut gemacht, gesagt, dass sie sich bloß nicht unterkriegen lassen soll, aber ich hatte keine Ahnung wie. Und mal ehrlich… was hätte ich als 11 Jähriger gedacht, wenn auf einmal so ein alter Kerl vor Dir steht und seltsame Reden schwingt? Es wäre mir wohl reichlich seltsam vorgekommen. Wir beließen es also bei einer generationen-übergreifenden Einschätzung der Gesamtsituation: „So’n Scheiß braucht kein Mensch, oder?!“ Und vermutlich war damit auch das Wichtigste gesagt.

Der Lauf

Irgendwann wurde die 12 Uhr Welle in den Startbereich gerufen — es ging los! Die Jungs und Mädels von Gettoworkout waren fürs Aufwärmen verantwortlich. Muskelbepackt, durchtrainiert und lautstark standen sie auf der Bühne und feuerten uns an. Nach wenigen Sekunden war klar, hier geht Niemand an den Start, bevor er nicht „DIE BEINE IN DIE LUFT! HÖHER! UND SCHNELLER! NOCH 10! NOCH 9! LOS, GAS GEBEN! NOCH 5! ICH WILL EURE BEINE SEHEN!!!1elf! WOOHAAAA!!!!“ sich warm gemacht hatte.

Passend motiviert („WOOHAAA!“) ging es danach los auf die Strecke…

(viele Bilder © by Sportograf)

… und die Strecke machte unfassbar viel Spaß. Wir liefen die Terrassen des Steinbruchs entlang, vorbei an monströsen Baggern, allerlei Gerät, riesigen Felsen, kurz: einer Dreckgrube, die wie gemacht war für so ein Event. Hinter jeder zweiten Kurve bedauerte ich, von dieser grandiosen Kulisse keine Fotos machen zu können. Alle paar hundert Meter kam ein Hindernis. Man lief wie durch einen Kletterpark der etwas anderen Art. Meine persönlichen Highlights waren die Hindernisse, die Teamwork erforderten, wie zum Beispiel die 3m hohe Bretterwand. Ein Team, ein Ziel — der Slogan von Xletix wurde hier Realität. Und der Zusammenhalt hörte auch nicht an Teamgrenzen auf. Die Teilnehmer unterstützten sich gegenseitig, ausnahmslos. Die Stimmung auf der Strecke war großartig. Als Herausforderung empfand ich alles, bei dem man ins Wasser oder komplett in den Schlamm musste. Dort blitzten immer wieder Sorgen um die Technik auf. Bei drei Hindernissen habe ich die Dia-Tasche dann auch beiseite gelegt oder kurz einem anderen Läufer gegeben. Auch das klappte super.

Apropos super. Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass meine Dia-Dörte ein kleiner Dreckspatz ist, aber sie hat sich den ganzen Lauf lang nicht gerührt. Brav blieb der Zucker im Bereich um die 200 mg/dL, das Lesegerät hat durch Zipperbeutel und Kondom hindurch einwandfrei funktioniert, der Sensor blieb schön, wo er ist und auch ich blieb nirgends hängen — insgesamt hätte es nicht besser laufen können. Die Illusion, man könne vielleicht blutig messen, erledigte sich übrigens bereits nach etwa 5m, als wir durch das erste Schlammloch mussten. Danach hätte man nur noch den Zuckergehalt des Wuppertaler Steinbruchstaubs messen können.

6 km, 15 Hindernisse und etwa 1 ½ Stunden später waren wir am Ziel. Schaum und Dreck machten uns zu einer Kombination aus Schneehühnern und Astronauten, aber wir waren total glücklich! Uns durchflutete eine Mischung aus Begeisterung und Stolz: „Yeah, alle Hindernisse geschafft!“ (meine Süße) „Yeah, Duck Fiabetes!“ (ich) „Schade, dass es schon vorbei ist.“ (wir beide)

Dia-Dörtes Revenge

Natürlich! Natürlich wachte Dia-Dörte irgendwann aus ihrem Fango-Schönheitsschlaf auf und dachte sich wohl, dass der Tag zu gut gelaufen war. Kurz vor unserer kleinen After-Run-Grillparty, auf der ich passenderweise mit dem Finisher-Shirt erscheinen wollte, nähte die kleine Hexe noch schnell die Armlöcher auf Zahnstochergröße zusammen. Als ich mir dann beim schwungvollen Anziehen den Sensor abriss, hörte ich sie leise kichern. Wie konnte ich auch nur geglaubt haben, ich hätte sie unter Kontrolle…

Nach dem Lauf ist vor dem Lauf

Das Event hat uns so sehr begeistert, dass die ersten Planungen für 2018 bereits stehen. Frei nach dem Motto öfter, länger, dreckiger sieht unsere Liste aktuell so aus:

Auf dass es ein dreckiges 2018 wird! WOOHAAA!!

Und wer ist von Euch dabei?

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Spritz-Ess-Dingens-Magie

„Einen Spritz-Ess-Abstand brauchst Du nicht!“, haben sie gesagt.
„Die aktuellen Insuline sind schnell genug!“, haben sie gesagt.
„Das macht alles unnötig kompliziert.“, haben sie gesagt.

Ha!

Aber fangen wir vorne an…

Was ist dieses Spritz-Ess-Dingens eigentlich?

Jemand, der den Begriff Spritz-Ess-Abstand das erste mal hört… wobei… nein… ich werde präziser: Jemand mit einem beträchtlichen Anteil an, in der Pubertät hängen gebliebener Gehirnzellen — also: Männer — solch einem Jemand möchte ich, bevor er sich womöglich von einer gewissen Zweideutigkeit in die Irre geleitet fühlt, helfend sagen: Nein, der Spritz-Ess-Abstand hat nichts mit postkoitaler Nahrungsaufnahme zu tun! 

Beim Spritz-Ess-Abstand geht es vielmehr um die Frage, wann man sich am besten das Insulin zum Essen verabreichen sollte. Vorher? Nachher? Mit wie viel Abstand? Und warum macht man sich überhaupt so einen Kopf darum?

[*Erklärbär-Stimme-AN*] Beim Essen liefern sich Insulin und Kohlenhydrate ein Wettrennen. Das Insulin senkt den Blutzuckerspiegel, die KH lassen ihn steigen. Im Idealfall sollte das möglichst ausgeglichen geschehen, aber dafür muss man was tun. Da das Insulin eine gewisse Zeit braucht bis es wirkt (meist trödelt es erst ein bisschen im Bauchfett herum), geht es nicht alleine um die richtige Menge Insulin, sondern auch um den Abstand zum Essen: Tadaaa, genau das ist der Spritz-Ess-Abstand oder kurz: SEA!

Der SEA macht den Alltag nicht gerade unkomplizierter und er birgt auch das ein oder andere Risiko, so dass man Neulinge oft nicht damit belästigt. So war es auch bei mir.

SEA — Nichts für Anfänger?

Mein Essens-Insulin ist das Apidra und zu Beginn meiner Diabetes-Karriere hieß es immer: „Das Apidra ist so schnell, da braucht man keinen Spritz-Ess-Abstand.“ Das fand ich überaus praktisch, denn dadurch konnte ich spritzen und sofort losfuttern. Mein Zuckerpegel erreichte allerdings häufiger mal die 250 mg/dl oder überschritt sie sogar und er brauchte auch mal länger, bis er wieder im grünen Bereich ankam. Meine durchschnittlichen Blutzuckerkurven zeigen das ganz gut:

AGP_ohne_SEA

(Max 294 mg/dl, 90%-Max. 260 mg/dl, 75%-Max. 229 mg/dl, Ø 147 mg/dl)

Ich stellte mir die Frage, ob diese Spitzen nicht vielleicht doch vermeidbar wären, aber zunächst hielt die Praxis das wohl für unnötig. „Alles ok. Völlig normal. Der Zucker kommt ja wieder runter, irgendwann. Das reicht.“, hieß es.

SEA — Der Thrill des kleinen Diabetikers

So richtig zufrieden war ich damit nicht. Als ich das vor einigen Wochen nochmal in der Praxis ansprach, lenkte der Dia-Doc ein und meinte — Apidra hin oder her — wir (also: ich) könnten es ja mal mit einem Spritz-Ess-Abstand probieren (Ach!). Gesagt, getan. Ab dem nächsten Tag spritzten wir (also: ich) das Insulin etwa 15 Minuten vor dem Essen.

*Schwups!* war dieses Gefühl aus der Anfangszeit zurück, als sich jede Dosis Insulin ein bisschen gefährlich anfühlte. So, als würde ich mich in die sofortige Bewusstlosigkeit spritzen und nur eine extrem zeitnahe Nahrungsaufnahme könne mich noch davor retten. Ich möchte es nicht komplett ausschließen, auch mal hektisch zu meinem Teller gehechtet zu sein (Aus dem Weg! Ich muss zu meinen Kohlenhydraten!!!1!elf) — aus reiner Not natürlich. Gerüchte, dass es dabei zu zivilen Opfern kam, möchte ich jedoch energisch dementieren. Und wenn, dann waren es nur ganz, ganz wenige (Ey, wer stellt sich denn auch zwischen einen Diabetiker auf Insulin und sein Essen?!)
Wie auch immer… nun also die Variante für Fortgeschrittene: Spritzen und warten, dann erst essen. Ein bisschen spannend fand ich das ja schon.

Unterschiede

Auf das Ergebnis schauten wir vor zwei Wochen und es hat mich schon sehr beeindruckt, wie viel so ein Spritz-Ess-Abstand tatsächlich ausmacht. Gerade weil es anfangs hieß, er sei eigentlich unnötig. Inzwischen bleibt der Blutzuckerpegel nach dem Essen meistens unter 200 mg/dl, oft sogar ganz im grünen Bereich. Die Kurve ist ausgeglichener. Ich bin es auch. Wer hätte das gedacht?!

AGP_mit_SEA

(Max. 245 mg/dl, 90%-Max. 181 mg/dl, 75%-Max. 159 mg/dl, Ø 120 mg/dl)

Und hier nochmal im direkten Vergleich der Bereich ums Frühstück herum. Das lässt sich besonders gut gegenüberstellen, weil ich die ganze Woche über fast dasselbe frühstücke. Dasselbe Essen. Dieselbe Menge. Super für einen Vergleich.

Vergleich_AGP_Fruehstueck

(links ohne SEA, rechts mit SEA)

Lästig

So schön und beruhigend der flachere Kurvenverlauf auch ist, so lästig ist die ganze Prozedur.

Versucht mal, hungrige Kinder im Zaum zu halten, wenn das Essen eigentlich schon fertig ist, „aber Papa noch einen Moment braucht.“ Nein, ich finde, der SEA muss kein Familienritual werden. Müssen ja nicht alle vor dem vollen Teller sitzen und der Pizza dabei zuzusehen, wie sie mit jedem verlorenen Grad Celsius an Elastizität gewinnt.

Oder im Restaurant: habt ihr mal probiert, den Anreisezeitpunkt des bestellten Essens vorauszusagen? Nostradamus müsste man sein. Sobald dann die 15 Minuten SEA drohen zu ausgewachsenen 45 Minuten zu werden, hört man förmlich das schlürfende Trinkpäckchen-Strohhalm-Geräusch, wenn Glukose- für Glukose-Molekül aus dem Blut gezogen wird.

Bevor man unterzuckert, füllt man dann lieber mit Cola oder ähnlichem wieder auf, was natürlich das mühsam geschätzt-gerechnete Insulin-Kohlenhydrate-Verhältnis komplett über den Haufen wirft. Na, herzlichen Dank!

Apropos Verhältnis. Auch die Portionsgröße zu schätzen, bevor das Essen überhaupt da ist, gehört in die Kategorie „Herausforderung“. Verstohlen linst man da schon mal auf die Teller der Nachbartische, in der Hoffnung, irgendetwas daraus ableiten zu können (Entschuldigen Sie bitte, ist das auch das Saltimbocca? Prima! Könnten Sie vielleicht einmal ihre Gnocchi durchzählen?). Klappt aber eher selten.

Fazit

Auch wenn der Weg dahin ziemlich lästig ist, die Spontanität leidet und das Unterzuckerrisiko steigt, finde ich das Ergebnis lohnenswert. So hat am Ende der SEA auch dazu beigetragen, dass sich mein HbA1C um 0,8%-Punkte verbessert hat und damit deutlich unter die 7%-Marke gerutscht ist. Yeah!

Nachtrag

Ach ja, ohne die passende technische Unterstützung (siehe FreeStyle Libre-Story Teil 1, Teil 2 und Teil 3) wären weder die Spitzen so deutlich aufgefallen, noch hätte ich mich an einen passenden SEA herantasten können. Ein Grund mehr für alle Krankenkassen, das System (endlich!) für alle zu übernehmen und sich nicht so lächerlich zu zieren.

 

Disclaimer

Nicht, das hier Jemand glaubt, ich wolle medizinische Ratschläge erteilen. Ich habe natürlich überhaupt keine Ahnung wovon ich rede, meine das oder genau das Gegenteil, gebe weder Tipps noch spreche ich Empfehlungen aus. Im Grund solltet ihr das nicht einmal lesen, wenn Euch Eure Gesundheit lieb ist. Schließlich bin ich weder Dia-Berater noch -Doc, sondern ausschließlich Mensch mit einer gewissen Insulinabstinenz, gepaart mit Experimentierfreudigkeit und einem Hang, meine Probleme in die Welt zu posaunen.

Und überhaupt, was soll dieser Spritz-Ess-Abstand eigentlich sein? Das hat doch sicher was mit Sex zu tun, Ihr kleinen Ferkel!

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Diabetes zum Ausprobieren

JETZT NEU: Das Set „Diabetes zum Ausprobieren“ für Typ-WTF Diabetiker und die, die es werden wollen.

Wer kennt sie nicht!? Die freundlichen Menschen in unserer Umgebung, die stets ebenso hilfsbereit wie ungefragt mit guten Tipps und Ratschlägen zur Seite stehen.

Damit meine ich nicht unsere Freunde und Familie (liebevoll Typ-F Diabetiker genannt), die wirklich interessiert sind, uns unterstützen wollen, die unsere (neuen) Schwächen akzeptieren und einsehen, dass wir vermutlich schon am besten wissen, was wir tun.

Nein, ich meine die anderen, die uns fröhlich ein „iss das doch, du kannst doch spritzen“ entgegen flöten. Die uns mit aufbauenden Worten wie „lass Dein Leben doch nicht vom Diabetes bestimmen“ zurecht daran erinnern, wie einfach doch der Umgang mit dieser unheilbaren, chronischen Krankheit ist. Die uns mit wohl tuenden „sieh das einfach etwas lockerer“ oder „sei nicht so verkrampft“ jeden Frust besser von der Seele massieren, als es 12 Jahre Therapie könnten.

Vor kurzem las ich das erste Mal die passende Bezeichnung für diese Sorte Mensch: Typ-WTF Diabetiker (WTF wie… na, ihr wisst schon).

Jetzt ist es endlich soweit.
Endlich vorbei die Zeit, wo der Typ-WTF-ler nur zusehen muss.
Endlich kann er für einen Moment Teil unserer illustren Gemeinschaft werden.
Endlich gibt es „Diabetes zum Ausprobieren„, das Paket, das ihn die Welt mit anderen, mit unseren Augen sehen lässt.

Inhalt (reicht für 2 Wochen):

  • 1 Pen mit 99%-iger Kochsalzlösung. Der beigesetzte Entzündungshemmer auf Zitrussäurebasis sorgt für das gefürchtete Brennen, das uns ab und an nach dem Spritzen ereilt.
  • 1 Blutzuckersimulationsgerät, das einen typischen Diabetes-bestimmten Blutzucker-Verlauf nachbildet. Wird es mit dem Smartphone verbunden, reagiert es auf Bewegungen und Fotos (unterstützt werden Party-, Urlaubs- und Essensbilder) und fordert sofortige Reaktionen wie „messen“, „Kühlschrank plündern“ oder  „7 Min. stumm vor sich hin starren“.
  • 5 Pillen zur Unterstützung dieses einzigartigen Erlebnisses. Morgens eingenommen, treten die Symptome in den darauf folgenden 24 Stunden auf und halten für ca. 2 bis 4 Stunden an. Enthalten sind folgende Geschmacksrichtungen:
    • 1x Kopfschmerzen „Sanfte Explosion“
    • 1x Schwindel „Schützenfest“
    • 1x Sehstörungen „Stevie Wonder“
    • 1x Hypo-Simulation „Erstes Date“ inkl. Schweißausbruch und Zittern
    • 1x Hyper-Simulation „High 5“ mit realistischem Durstgefühl und leichtem Brechreiz

Wir empfehlen, die Pillen unbemerkt unter das Essen zu mischen, um dem Besitzer des Sets eine überraschende und dadurch besonders realistische Erfahrung zu bescheren.

Bestellt noch heute, denn die ersten 1000 Bestellungen erhalten GRATIS

  • 1x Panikattacke „Dr. House“ mit Angstzuständen vor den verschiedensten Folgeerkrankungen.
  • Einen Termin beim Diabetologen, der eine bevorstehende Fuß-Amputation bespricht und mit einem kurzen Operations-Video verdeutlicht. Als kleine Erinnerung darf das Quartett „Die schönsten Protesen der Welt“ mit nach Hause genommen werden.

 

————– Bestellformular ————–

(Ausfüllen, ausdrucken, abtrennen, wegwerfen)

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PS

PS: Zum Glück ist mir so ein richtig hartnäckiger Typ-WTF noch nicht begegnet. Wohl aber habe ich das ein oder andere Zitat bereits zu hören bekommen. Und auch wenn es sicher nicht böse gemeint war, wünschte ich mir in diesen Situationen manchmal so ein Probier-Set herbei. „Willkommen in meiner Welt!“ stände auf dem Karton und es würde helfen, eine wage Vorstellung dieser Diagnose zu vermitteln, welche Freiheiten sie kostet, welchen Raum sie im eigenen Denken einnimmt — so ungefragt und unerwünscht wie mancher Kommentar selbst.

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4 BE! #mimimi

Das Twix

Vier BE.
Genau 4 BE hat dieses verlockende, große, weiße, leckere Twix, das mir mein Bürokollege mitgebracht hat.

4 BE.
4 Broteinheiten.
Was bedeutet das eigentlich?

Mein altes Ich

Für mein altes Ich, den Nicht-Diabetiker bedeutete es: Nichts. Nur lecker. 75g süßes, leckeres Twix. Genuss pur. Ein Nachmittagssnack. Ein Survival-Twix für Meetings. Ein Biorhythmus-Optimierungs-Twix, kurz bevor der Kopf auf die Tischplatte fällt. Ich twixte zwischendurch. Auch mal vormittags. Oder abends. Ohne nachzudenken. Kein Problem. Nur lecker.

Und jetzt?

Mein neues Ich

Mein neues Ich dreht als erstes die Packung um auf der Suche nach den Nährwertangaben: Koh | len | hy | dra | te. Dieses Twix hat 48g davon, geteilt durch 12 = 4 BE. Und dann auch noch weiße Schokolade. So lecker sie ist, so hoch ist der Zuckeranteil und so gnadenlos schnellt dadurch mein Blutzucker nach oben. Weiße Schokolade scheint der Treibstoff für meinen persönlichen Blutzucker-Raketenrucksack zu sein. „Yeehaaaa!“, jubelt Dia-Dörte vergnügt.

4 BE

4 BE. Das entspricht etwa zwei normalen Brötchen.
4 BE. Das hat auch ungefähr mein tägliches Frühstück: 1/4 Apfel, gemopst aus der Schulbrotdose meines Großen, plus Müsli, plus Milch.
4 BE. Das sind um die 150 bis 200 mg/dl, die mein Blutzucker ohne Insulin nach oben gehen würde. Auf mehr als das Doppelte eines guten Wertes. Von einer grünen Anzeige *zack* durch den gelben, direkt in den roten Bereich, schlechtes Gewissen und manchmal Unwohlsein inklusive.
4 BE. Das heißt also: Pen auspacken, Nadel drauf, Bürotür zu, pieksen (und ja: autsch!), Nadel entsorgen, Kleidung richten.
4 BE. Ganz sicher Nichts für Meetings. („Entschuldigung, ich spritze mir mal eben Insulin. Ignoriert bitte den medizinischen Geruch; nehmt doch einfach meinen Bauchnabelflusen und spielt derweil etwas Tipp-Kick damit.“ )

Ninja-Kohlenhydrate

Immerhin verrät mir das Twix die BE. Oft genug ist das nicht so. Bei meinem ersten Post-Diagnose-Döner zum Beispiel (Dia-Dörte und ich unternahmen einen Türkei-Kurzurlaub in den Süden… Dortmunds) hab ich mich grandios verschätzt und landete — trotz Insulin — bei 360 mg/dl (3-fach so hoch wie gewünscht). Wo sich die KH versteckt hatten? Vielleicht war es der Krautsalat. Keine Ahnung. Ich nenne sie Ninja-Kohlenhydrate, unsichtbar und gnadenlos.

Bei dem All-you-can-eat-Buffet vor ein paar Tagen war es anders herum. Ich achtete schön darauf, die Kohlenhydrate wegzulassen, aß nur Gemüse, Fisch und Fleisch und stieg damit trotzdem von 105 auf 160. Ich sag ja: Ninja-KH. Für den Nachtisch (Mousse au Chocolate im Glas) spritzte ich 2 Einheiten + 1 Korrektur = … öhh… 3 Einheiten. Es war bereits 10 Uhr abends, aber darauf hatte ich nicht geachtet. Eine Stunde später waren wir zu Hause und ich bei 90 mg/dl. Etwas niedrig, gerade weil das Insulin noch mindestens 1 bis 1½ Stunden wirkte. Ich brauchte also noch ein paar KH. Genau das, was man sich nach einem All-you-can-eat-Buffet so wünscht. Außerdem konnte ich noch nicht ins Bett, weil ich nicht wusste, in welchen Blutzucker-Keller mich das Insulin noch bringen wollte.

Entspannt und unbeschwert geht irgendwie anders…

24/7

Und so geht’s jeden Tag. Was hat so eine Portion Nudeln beim Italiener? Oder die Pizza? Die Reste auf den Tellern der Kinder? Das kann man doch nicht wegwerfen! Das Stück Kuchen, die Torte oder die Rosinenschnecke beim Bäcker. Mmmmhh… sieht die saftig aus. Die paar Gummibärchen. Och komm, die paaaaar. Abends Chips oder Nüsse? Oder eben so ein leckeres Twix. Mjam!

Ja, es gibt sicher Schlimmeres als Diabetes. Und ja, im Grunde sind die Mechanismen klar, das Insulin verfügbar und es ist „nur“ Diabetes.
Nur.
Aber nur jeden Tag.
Nur jede Mahlzeit.
Nur jede Bewegung.
Nur jede Stunde.
Nur ständig.
Nur immer.
Nur im meinem Kopf, die ganze ver… Zeit. Selbst nachts. 24/7.

Und manchmal erzeugt das nur Frust.
Und manchmal reichen dafür nur 4 blöde BE aus.

Dia-Dörte lächelt auf mich herab, zieht ihr Ninja-Kostüm an und murmelt leise „Mimimi!“.

P.S.

PS: Broteinheit. Bei diesem Begriff muss ich immer an meine Besuche als Kind im Wuppertaler Zoo denken. Früher, als es das Nilpferd noch gab. Das bekam bei seiner Fütterung ein Brot. Einen ganzen Laib. Am Stück. Direkt ins Maul. In den Händen des Wärters erschien dieses Brot noch riesig, im Maul des Nilpferdes wirkte es mehr wie ein Pizzabrötchen. Das fand ich ziemlich beeindruckend. Das ist für mich eine Broteinheit. Das würde diesem Begriff gerecht werden. Nicht diese lächerlichen 12g Kohlenhydrate.

PPS: Stephan, ich habe mich trotz allem sehr über das Twix gefreut und habe es in allen Zügen genossen!

 

Ich bin online (FreeStyle-Story, Teil 3)

Nerd-Faktor

Mensch, bin ich froh, dass dieses Diabetes-Ding so einen hohen Nerd-Faktor hat. Da eröffnen sich Welten, ach was sag ich, ganze Galaxien von Projekten für Jemanden, der mal „irgendwas mit Computern“ studiert hat. Schließlich geht’s vor allem um Zahlen. Zahlen, die geschätzt, umgerechnet und optimiert werden wollen, damit man sie uns nicht in Form von grün-gelb-roten Graphen um die Ohren haut.

Also, meine liebe Dia-Dörte, setz schon mal Deine Hornbrille auf, es wartet Arbeit auf uns.

Hier unser persönlicher Dia-nerd-betes-Werdegang:

Nerd-Level 1: Digital statt Analog

Nur durch den anfänglichen Schockzustand und meine überaus fortschrittliche Dia-Praxis kann ich es überhaupt erklären, dass ich ganze 1-2 Tage in der analogen Welt ausgehalten habe. Zahlen auf Papier schreiben… wo gibt’s denn sowas noch?

Level 1 hieß also, Stift durch Daumen, Papier durch Handy zu ersetzen. Ein paar Wochen später haben die Blutzuckermessgeräte von Accu-Check (Connect und Guide) auch das noch vereinfacht. Bluetooth sei dank, schweben die Messergebnisse nun wie von Zauberhand in die App.

Nerd-Level 2: Scannen statt Stechen

Nach dem schmerzhaften Blutzuckermessen hat mit dem FreeStyle Libre Nerd-Level 2 Einzug gehalten. Handy über den Sensor bewegen *brumm-brumm* und schon ist der aktuelle Wert ausgelesen. Und nicht nur er, auch seine Brüder aus den letzten acht Stunden. Entschuldigung. Und die Schwestern. Also alle Werte (und Wertinnen), schön säuberlich im 15-minütigen Abstand aufgereiht.

Das ist schon ziemlich cool!

In einigen Situationen jedoch scheint der Sensor bedauerlicherweise nicht ganz wie gewünscht zu arbeiten. Gerade bei niedrigen Werten messe ich nochmal blutig nach und da ist der richtige Blutzuckerwert oft harmloser. Hinzu kommen die Ausfälle aller (zwei) Sensoren, die ich am linken Arm getragen habe, immer nach der 2. Nacht, immer in Kombination mit seltsamen und für mich inzwischen unglaubwürdigen Unterzuckerungskurven.

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Doppelte Unterzuckerung? Nee….

Vermutlich ist meine setliche Kopf-auf-Kissen-auf-Arm-auf-Sensor-auf-Matratze-Liegeposition FreeStyle-inkompatibel, auch wenn der freundliche Hotline-Mitarbeiter meinte, es gäbe noch andere Seitenschläfer auf der Welt. Ok, vorstellbar. Eine bessere Erklärung hatte er aber auch nicht.

Nerd-Level 3: Der ganz persönliche Internetanschluss

Seit einigen Tagen bin ich auf der Nerd-Skala noch einen Schritt weiter. Mit Hilfe einer Sony Smartwatch 3, einer großartigen Anleitung und einiger Open-Source-Projekte (Libre Alarm, xDrip+, Nightscout) wird der Sensor nun kontinuierlich ausgelesen. Alle 10 Minuten gelangen die Werte aufs Handy und von dort in die weite Welt eine eigene Dia-Dörte-Cloud. Besonders hilfreich ist die Alarmfunktion, die sowohl das Handy als auch die Uhr brummen lässt, wenn die Werte mal zu hoch oder zu niedrig sind.

(Genauer gesagt sind es Drölwzig Tausend Möglichkeiten, sich warnen zu lassen, oder eben nicht, unter Berücksichtigung von gegenläufigen Trends, Fehlmessungen, Verbindungsfehlern und vermutlich auch Mondstand und Aufenthaltsort von Angela Merkel; ich habe immer noch nicht alle Einstellungen verstanden).

Ein wenig Zeit sollte man mitbringen und die Erfahrungen beim Rooten von Android Handys sind ganz hilfreich — damit ist es ein Bastelprojekt ganz nach meinem Geschmack.

Der Nerd in mir fühlt sich ein bisschen wie in einer Star Trek Folge. Sozusagen ein Vorvorgänger von Data oder Seven of Nine, nur ohne positronisches Gehirn und bei weitem nicht so hübsch. Aber man kann tatsächlich sagen, dass ich über den Sensor nun mit dem Internet verbunden bin. Read-only, zum Glück. Vorerst.

Mein Körper ist also online.
D-Online,  quasi.
IoMe statt IoT.  

Ist das nicht abgefahren?!

Was kommt als nächstes?

Nerd-Level X: Her mit den Implantaten!

So ein Chip mit Unterhautsensor ist eigentlich nur die konsequente Fortsetzung der „smarten“ Uhren mit Herzfrequenzanzeige, Waagen mit WLAN, Cloud-Blutdruckmessern und was es noch so alles in „smart“ gibt — die Haarbürste mit integriertem Bluetooth ist im Moment mein Highlight der Absurdität.

Aber abgesehen davon würde ich den Trend (auch ganz persönlich) zusammenfassen mit:

Her mit den Gesundheitsimplantaten!

Die Menschheit ist bereit dafür. Blutzucker. Blutdruck. Cholesterin. Das kleine Blutbild zum Scannen per NFC, übertragen nach Apple Health und Google Fit, umgewandelt in leicht verständliche Grafiken, kombiniert mit einer „Gesundheitsvorhersage“, vorgelesen von Alexa:

„Guten Morgen René! In Deiner Familie zieht ein kleines Erkältungstief auf. Bei Deinen Kindern kommt es in den nächsten Tagen zu einem erhöhten Pseudo-Krupp-Risiko und es ist mit leichtem Fieber zu rechnen. Deine Frau zeigt bereits erste Symptome und hat schlecht geschlafen.
Pass auf Dich auf und gute Besserung!“

Natürlich wird es neue Skandale um geklaute Daten geben. Irgendwann werden nicht mehr Nacktbilder von Promis, sondern deren Gesundheitswerte in irgendwelchen zwielichtigen Foren veröffentlicht. Drogenkonsum und Entzug, sportliche Betätigungen und Sex werden einfach abzulesen sein. Und wenn man das noch weiterspinnt, sind wir Normalos irgendwann natürlich auch betroffen, sobald Krankenkasse, Sozialämter und Rentenversicherung angebunden werden. Bestimmte Leistungen erhält man dann nur noch bei angemessener Lebensweise.

„René, hier ist Alexa. Ich möchte Dich im Auftrag der Gesundheitsministerin informieren, dass das nächste Bier zu einem erhöhten Herzinfarktrisiko führen würde. Denk bitte an Deine Verantwortung gegenüber Deiner Familie und der Gesellschaft und verzichte im Interesse aller. Andernfalls werden Deine Beiträge um 0,27% erhöht. Danke für Dein Verständnis!

Dies war ein kostenloser Service Deiner Bundesregierung.“

Autsch!

Trotz aller der Missbrauchsgefahr muss ich gestehen, dass ich solche Möglichkeiten extrem verlockend finde. Ich bin schon sehr gespannt, was uns nach dem FreeStyle als nächstes erwartet.

In diesem Sinne: Dörte, die nächsten Nerd-Level warten auf uns….

Die ersten Tage in Freiheit (FreeStyle-Story, Teil 2)

Was bisher geschah…

Seit ein paar Tagen bin ich stolzer Besitzer eines FreeStyle Libre Starter-Kits, bestehend aus einem Lesegerät (das ich dank NFC-fähigem Handy nicht nutze) und einem Sensor (den ich furchtlos und mutig — naja — in meinen Arm getackert habe). Details dazu und warum mir meine Krankenkasse die Sensoren bezuschusst, könnt ihr im ersten Teil nachlesen.

Scan as Scan can

Der Sensor braucht eine Stunde, bis man das erste Mal scannen darf. In der Zeit „adaptiert er die neue Umgebung“, meint der Hersteller. Aha. Vermutlich wird er stubenrein oder stellt sich den Nachbarn vor. Also sahen meine ersten 90 Minuten etwa so aus:
60 Min: Auf die Uhr gucken — warten — nachsehen — warten — nachsehen — warten…
30 Min: Scannen. *brumm-brumm* 157. Cool! Scannen. *brumm-brumm* 169. Cool! Scannen.*brumm-brumm* 178. Cool! Scannen. Scannen. Scannen…

Groooßartiges Spielzeug Hilfsmittel! Das Abendessen wanderte langsam in meine Blutbahn und ich war live dabei; Reality-TV der etwas anderen Art. Ich hätte noch Stunden zugucken können, aber es war Zeit fürs Bett. Inzwischen war der BZ bei 186, ich war gespannt auf morgen.

Der Morgen danach

Die erste Tat: der Griff ging zum Handy, kurz entsperren, an den Arm halten *brumm-brumm*, dann ein verschlafener Blick auf  AAAHHHHHH!!!!! WAS IST DENN DAS?

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Was ich sah war eine Talfahrt, nein, eigentlich ein Sturzflug, durch den grünen in den roten Bereich und von dort ins… Nichts? Nach etwa einer Stunde im Blutzucker-Bermudadreieck kam der Wert wieder herausgekrabbelt und versteckte sich morgens scheinheilig hinter der 102. Nicht, dass ich bereits Profi in der Analyse oder Interpretation solcher Graphen wäre, aber soviel verriet mir die gesellschaftlich etablierte Farbenlehre: das rot stand vermutlich nicht für „rrrichtig optimal“.

Ehrlich gesagt war ich leicht geschockt. Allerdings mehr durch das, was ich dort sah, als durch etwas, was ich fühlte. Hatte ich unruhig geschlafen? Eigentlich nicht. Verschwitzt war ich auch nicht. Was war mit den ganzen Unterzuckerungsanzeichen, von denen ich gelesen hatte?

Hochgradig beunruhigt fuhr ich morgens direkt mal zum Dia-Doc:

„Oh, damit hätte ich nicht gerechnet.“ 

Schön, da waren wir uns ja einig. Dann folgte eine kurze Lobeshymne auf das FreeStyle, weil man diese Werte früher nicht gesehen hätte. Stimmt, dachte ich mir, wer weiß, wie oft das bereits passiert ist.

Ergebnis: ich solle das Basalinsulin reduzieren. Außerdem müsse ich nun „etwas vorsichtig“ sein und solle mir besser nachts den Wecker stellen. 3 Uhr sei eine gute Zeit. Gute Zeit? Ernsthaft? Kaum sind die eigenen Kinder aus dem Alter raus, bekommt man ungefragt ein Pflegekind namens „Diabetes-Dörte“, das mitten in der Nacht umsorgt werden möchte. Mpf!

Nacht Nr. 2

Wenn ich mir sonst den Wecker für 3 Uhr nachts stelle, hat das meist etwas mit Süden und Sonne und einem bunt bemalten Urlaubsflieger zu tun. Nicht, um sich in den Finger zu stechen.

3:03 Uhr: Trotz Mitternachtssnack war der Blutzucker inzwischen auf 87 gesunken und zwang mich zu einer Nacht-BE. Um 3 Uhr. Nach 3h Schlaf. Ich hatte eine Spitzenlaune.

Mein Sensor wohl auch, denn das Scannen am nächsten Morgen wurde mit einer Fehlermeldung quittiert. Anschließend waren sich App und Lesegerät einig, mein Sensor sei abgelaufen und müsse getauscht werden. Großartig! Mein einziger Sensor kündigte nach 1,5 Nächten fristlos seinen Dienst und ich hatte natürlich keinen Ersatz zu Hause. Und das, wo sich das Gerät bereits in der ersten Nacht erfolgreich unverzichtbar gemacht hatte.

Der zweite Morgen in Folge, bei dem leichte Panik in mir hochkroch.

Meine Todo-Liste für diesen Morgen war:

  1. Zwei Ersatzsensoren bestellen
    Der Libre hatte durch die nächtlichen BZ-Kurven tatsächlich mal Licht ins Dunkle gebracht — im wahrsten Sinne des Wortes. Also wollte ich unbedingt eine Notfallration für den Fall, dass sich mal wieder ein Sensor selbst pensionieren würde.
  2. Abott-Hotline anrufen
    Das klappte super, der Service war exzellent. Der Mitarbeiter an der Hotline war nett und obwohl ich ihm die Fehlercodes nicht durchgeben konnte (das FreeStyle Lesegerät lag zu Hause), schickte er sofort einen Ersatzsensor auf den Weg.
  3. Basal reduzieren (erneut)
    Das Absacken in der Nacht musste aufhören und außerdem fände ich es knorke, wenn Dia-Dörte und ich mal wieder durchschlafen könnten. Also: 4 minus 2 = 2; ich nannte es Toujeo light…

Happy End

Schon am nächsten Tag kam die gelb-schwarze Postkutsche mit meinem persönlichen DHL-Helden angeritten und lieferte mir die drei Sensoren. So konnte ich mich nachmittags schon wieder ausstatten und wenn er nicht gestorben ist, so läuft der Sensor noch heute…

Alternative Ursachen

Ich hab noch eine Weile über die angezeigte Unterzuckerung nachgedacht. Seltsam finde ich daran vor allem, dass ich morgens keine körperlichen Anzeichen hatte. Das passt so gar nicht zu den Erfahrungsberichten, die ich bisher zu solchen Unterzuckerungen gelesen hatte. Die Stunde im Bereich < 40 mg/dl hätte ich doch spüren müssen?!

Bei der Internetrecherche zu dem Thema bin ich auf eine alternative Erklärung gestoßen: Wenn man auf der Seite liegt, also auf dem Sensor, kann der Wert fälschlicherweise zu niedrig angezeigt werden. Der Druck auf den Sensor und die verdrängte Gewebeflüssigkeit sollen der Grund hierfür sein. Klingt ein Stück weit plausibel. Wobei… schlafen nicht so viele auf der Seite, dass dieses Problem deutlich häufiger auftreten müsste?

Wie sind Eure Erfahrungen dazu?
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